27. März 1945 – feiger NS-Mord sechs Wochen vor Kriegsende

(Rede auf der Gedenkveranstaltung zu Ehren von sieben kurz vor Kriegsende am Chemnitzer Hutholz ermordeten Antifaschisten.)

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

Im März 1945 war der von Deutschland in die Welt getragene Krieg längst an seinem Ausgangspunkt angekommen.

Die Rote Armee stand kurz vor Berlin. Mit der Schlacht um die Seelower Höhen wurde die letzte Hauptverteidigungsstellung der Wehrmacht vor den Toren der Reichshauptstadt von den Rotarmisten zerschlagen. Im Westen standen amerikanische Truppen am Rhein und setzten an diesen zu überqueren. Der Fall des von den Nazis selbst so genannten Tausendjährigen Reiches schien greifbar. Und dennoch waren die Gegner des Regimes noch längst nicht vor ihren Verfolgern sicher.

Bis zuletzt mordeten die Nationalsozialisten.

Sei es aus Glaube am Endsieg, der erreichbar sei wenn man nur fanatisch genug durchhalte; sei es – das Ende vor Augen – aus dem Versuch heraus Spuren zu verwischen oder aber der Wille noch möglichst viele Widerstandskämpfer und Gegner der Nazis mit in den Abgrund zu reißen, oder sei es einfach nur der Wille noch möglichst viele Widerstandskämpfer und Gegner der Nazis mit in den Abgrund zu reißen.

Eine dieser Taten, hat sich heute vor 72 Jahren, an dieser Stelle ereignet.

Nur sechs Wochen vor Kriegsende wurden die sieben Antifaschisten Max Brand, Albert Hähnel, Albert Junghans, Walter Klippel, Kurt Krusche, Alfons Pech und Willy Reinl hier ermordet.

Im Rahmen der „Aktion Gitter“ waren bis Anfang 1945 im Gestapobezirk Chemnitz rund 100 Gegner des Nationalsozialismus in Haft. Sie waren größtenteils im Gefängnis auf dem Kaßberg interniert. Als Angloamerikanische Bomberverbände am 5. und 6. März 1945 Werks- und Verkehrsanlagen und das Stadtzentrum des wichtigen Industrie- und Rüstungszentrums Chemnitz angriffen, wurde auch ein Flügel des Gefängnisses getroffen.

Einem Teil der Gefangenen gelang dabei die Flucht. Anderen, insbesondere Chemnitzer Häftlingen wurde von Justizangestellten gestattet nach Hause zu gehen, um bei Löscharbeiten zu helfen oder nach den Angehörigen sehen zu können. Verbunden war dies mit der Verpflichtung, danach zurück in die Haftanstalt zu kommen.

Nach der schnellstmöglichen Reorganisierung der Gestapodienststelle nahm diese bald nach den Luftangriffen ihre Tätigkeit wieder voll auf und begann mit Unterstützung der Chemnitzer Polizei die Suche nach den Entwichenen. Im Falle des Untertauchens wurde Sippenhaft für die gesamte Familie angedroht. Bei freiwilliger Rückmeldung wurde Straffreiheit zugesagt. Das dieses Versprechen von Anbeginn eine Lüge war, wird aus dem schriftlich erteilten Befehl des Verantwortliche für Hochverratsdelikte in der Chemnitzer Gestapo, Kommissar Wackerrow deutlich, der bereits Mitte März dazu aufforderte als „rückfällig“ geltende Häftlinge unabhängig von ihrem Wohlverhalten auszusondern.

Letztlich währte die Freiheit für die meisten nur kurz und es wagten nur wenige der vorübergehend frei gekommenen Häftlinge die Stadt tatsächlich zu verlassen. So meldete sich auch der dann hier an dieser Stelle ermordete Kommunist Albert Hähnel nach den Löscharbeiten in der eigenen Wohnung und Hilfe im Wohngebiet freiwillig wieder bei den Behörden. Bis zum 26. März waren 14 der politischen Untersuchungshäftlinge wieder gefasst. Sieben von Ihnen wurden gemäß Befehl ausgesondert.

Diese Sieben wurden am Nachmittag des 27. März in Handschellen gefesselt vom Hof des Chemnitzer Polizeigefängnisses mit dem LKW zur unteren Schule in Neukirchen verbracht. Hier befand sich inzwischen das Ausweichquartier der Chemnitzer Gestapo, nachdem deren Hauptquartier während der alliierten Luftschläge Anfang März in Chemnitz zerstört wurde. In Neukirchen wartete bereits ein mit der Exekution der Gefangenen beauftragtes Sonderkommando.

Gegen 19.00 Uhr am 27. März wurden sie hierher an den Hutholz gebracht. Drei der Gefangenen mussten eine bereits bestehende Erdgrube vertiefen, in die sich anschließend alle mit dem Gesicht zum Boden legen mussten. Mittels Maschinenpistolen und nachfolgenden Fangschüssen wurden die sieben Gefangenen ermordet und sofort an Ort und Stelle verscharrt. Bereits wenige Tage später wurden den Angehörigen Sterbeurkunden ausgehändigt, mit der Mitteilung, dass die Gefangenen auf der Flucht erschossen worden wären, genauere Umstände zum Tode jedoch nicht bekannt und ermittelbar seien.

Um die Spuren vollständig zu verwischen wurden die Leichen jedoch bereits Anfang April wieder exhumiert und gemeinsam mit anderen Leichnamen in einem Lastwagen der Deutschen Post zur Feuerbestattungsstätte nach Werdau verbracht. Dort wurden sie am 7. und 8. April eingeäschert und in einem Massengrab beigesetzt.

Die Beteiligten SS- und Gestapo- Beamten flohen nach dem Krieg in die Westzonen und wurden bis auf einen juristisch nie für ihre Taten belangt. Lediglich der an der Exekution beteiligte Gestapo-Kommissar Erich Obst geriet in sowjetische Gefangenschaft und wurde vom Militärtribunal zu 25 Jahren Haft verurteilt, die er jedoch nicht komplett absitzen musste.

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

Wenn wir uns heute hier zusammen gefunden haben, dann gedenken wir nicht nur des Schicksals der sieben hier Ermordeten. Es gilt auch deren Vermächtnis wach zu halten. Dass wir dabei nicht nachlassen dürfen zeigen auch die aktuellen Geschehnisse in der Region Chemnitz.

So zeigt das sich selbst so bezeichnende Rechte Plenum hier sei zwei Jahren gezielt Präsenz: straff organisierte Nazistrukturen, die sich gezielt und konzentriert auf dem Chemnitzer Sonnenberg ansiedelten und versuchen, die Stimmung hier zu dominieren und zu beeinflussen. Neben nächtlichen Anschlägen auf Linke Büros oder Angriffen auf missliebige Kultureinrichtungen noch während Gäste anwesend waren gehören dazu alltägliche gewalttätigen Übergriffen auf andere Menschen. Auch im Internet ist die Gruppe mit Stärke demonstrierenden Werbevideos präsent und versucht gezielt den öffentlichen Raum zu erobern. Im Rahmen des planmäßigen Vorgehens gehören dazu auch der langfristige Erwerb von Häusern und sichtbare rechte Schmierereien im Alltag.

Ziel ist es, einen rechten Stadtteil zu etablieren, in dem für Menschen die nicht in das völkisch-rassistische Weltbild passen, kein Platz mehr ist. Wie sicher sie sich dabei fühlen zeigt auch, dass es trotz Polizeipräsenz Farbanschläge und versuchte gewalttätige Übergriffe auf die am 5. März von rund 500 meist jungen Menschen durchgeführte antifaschistische Demonstration über den Sonnenberg gab.

Doch auch wenn sich das Problem aktuell in diesem Gebiet zu konzentrieren scheint, so handelt es sich dennoch keineswegs um ein „Sonnenberg-Problem“. Auch in anderen Chemnitzer Stadtteilen und im Umland gibt es längst etablierte Nazi-Strukturen. Das reicht vom (bereits wiederholt vom Staatsschutz durchsuchten) Schulungs- und Veranstaltungszentrum in Markersdorf über Ladengeschäfte am Brühl bis zu bundesweit agierenden Versandhändlern für Nazidevotionalien und –musik jeder Art. Ebenso hatte der NSU seine Kontakte und Rückzugsmöglichkeiten auch hier in der Region.

Die von mir geschilderten aktuellen Geschehnisse scheinen zeitlich weit weg von den Verbrechen, die sich hier an dieser Stelle vor 72 Jahren zugetragen haben. Und dennoch entspringen sie dem gleichen Geiste.

Unsere moralische Pflicht erfüllt sich nicht nur im Erinnern an die Opfer der Vergangenheit. Aus diesem Erinnern ergibt sich ein Vermächtnis und einer Verpflichtung gegenüber der hier Ermordeten. Stoppen wir die Täter von heute, die sich noch immer auf die Ideen des Nationalsozialismus berufen. Tun wir gemeinsam alles in unserer Kraft stehende, dass diese menschenverachtende Ideologie keine Zukunft hat.

Ich danke allen, die heute hier her gekommen sind.