Nazi-Stadtteil Sonnenberg?

Der Chemnitzer Sonnenberg hat in den letzten Monaten in der überregionalen Berichterstattung einen schlechten Ruf bekommen: ‚Sonnenberg, das ist doch wo in Chemnitz die Rechten sind – Bombenanschläge auf das alternative Kulturzentrum Lokomov – zum Teil noch während Gäste anwesend sind, oder die permanenten nächtlichen Angriffe auf das Büro meiner Landtagskollegin Susanne Schaper, die letztlich zur Kündigung durch den Vermieter führten.‘ So weit, so schlecht. Doch wird das der Realität auf dem Chemnitzer Sonnenberg gerecht?

Der Stadtteil gehört zu den buntesten in unserer Stadt, der gleichzeitig günstige Mieten aufweist, die es auch jungen Familien oder Menschen mit geringem Einkommen ermöglicht ein Zuhause zu finden. In den letzten Jahren ist städtebaulich viel geschehen, hat sich eine aktive Vereinslandschaft gebildet, die dafür sorgt, dass der Sonnenberg zu den lebendigsten Vierteln in Chemnitz gehört. Aber da ist eben auch die andere Seite.

Das sich selbst so bezeichnende Rechte Plenum zeigt hier sei zwei Jahren gezielt Präsenz: straff organisierte Nazistrukturen, die sich gezielt und konzentriert im Stadtteil ansiedelten und versuchen die Stimmung zu dominieren und zu beeinflussen. Neben den bereits erwähnten Anschlägen gehören dazu Stärke demonstrierende Werbevideos im Internet und der Versuch gezielt den öffentlichen Raum zu erobern. Das meint den langfristigen Erwerb von Häusern ebenso, wie rechte Graffitis im Alltag. Man scheute sich auch trotz Polizeipräsenz nicht vor Farbanschlägen und versuchten gewalttätigen Übergriffe auf die am 5.3. von rund 500 meist jungen Menschen durchgeführte antifaschistische Demonstration über den Sonnenberg.

Auch wenn sich das Problem in diesem Gebiet zu konzentrieren scheint, so handelt es sich dennoch keineswegs um ein „Sonnenberg-Problem“. Auch in anderen Chemnitzer Stadtteilen gibt es längst etablierte Nazi-Strukturen. Das reicht vom (bereits wiederholt vom Staatsschutz durchsuchten) Schulungs- und Veranstaltungszentrum in Markersdorf über Ladengeschäfte am Brühl bis zu bundesweit agierenden Versandhändlern für Nazidevotionalien und -musik jeder Art.

Mit dem Finger auf den Sonnenberg zu zeigen ist ungerecht. Ungerecht gegenüber all denen, die hier wohnen und versuchen dem etwas entgegen zu setzen. Die zum Teil regelmäßig Übergriffe von Nazis zu erleiden haben, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon Kenntnis nimmt. Die täglich vor Ort dafür arbeiten, dass dieser Teil von Chemnitz bunt und eine Heimat für alle bleibt. Und es spielt den Nazis in die Hand. Denn genau das wollen sie ja erreichen: einen rechten Stadtteil, in dem für Menschen die nicht in das völkisch-rassistische Weltbild passen kein Platz mehr ist.