199 Jahre Karl Marx – 150 Jahre Das Kapital

Viele Linke schauen bereits auf das nächste Jahr, den 200. Geburtstag von Marx. Aber bereits in diesem Jahr begehen wir einen Jahrestag: vor 150 Jahren erschien der erste Band seines Hauptwerkes „Das Kapital“. Sicher, die UNESCO hat das Kapital inzwischen in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen und stuft es als eine der wichtigsten Publikationen des 19. Jahrhunderts ein. Aber dennoch, eine 150 Jahre alte Schrift – da stellt sich schon die Frage: „Ist Marx eigentlich noch aktuell?“

Zumindest scheinen sich noch immer auch Gegner von Marx zu finden. Jene die sich inhaltlich und intellektuell an ihm reiben. Aber auch jene bei denen es für eine offene inhaltliche Auseinandersetzung offenkundig nicht reicht. Jene die sich so sehr an ihm stören, dass sie passend zum heutigen 199. Geburtstag das Chemnitzer Marx-Monument mit Farbe beschmiert haben.

Woher kommt es, das der alte Marx auch heute noch so sehr polarisiert?

Ganz einfach: die aktuellen Themen – letztlich auch die mit denen Rechtspopulisten aktuell auf Stimmenfang gehen – sind genau die um die es auch im vor 150 Jahren erschienenen Kapital geht: die Ungleichheit, die der Kapitalismus erzeugt; die systematische Ausbeutung ganz unten in der Gesellschaft und die keine Grenzen kennende Bereicherung ganz oben.

Was viele in Europa und Nordamerika heute als Nachteile des eigenen, mit Gewalt weltweit durchgesetzten westlichen Wirtschaftssystems erfahren, sind die bereits von Marx genannten und im frühkapitalistischen England beobachteten Folgen. Eine wachsende Ungleichheit zu Lasten derer die den Wohlstand (heute würde man sagen das Bruttoinlandsprodukt) erschaffen und eine immer stärkere Konzentration der Gewinne bei einer kleinen Oberschicht, der die Produktionsmittel und Patente gehören. Auch der Lohn- und Effizienzdruck auf die einfachen Arbeiter, der durch die Globalisierung aktuell immer neue Schübe erhält, wurde von ihm bereits beschrieben.

Aber Marx hat nicht nur die Ungerechtigkeiten beklagt, er hat analysiert. Er hat nach Ursachen geforscht und die Zustände in einen historischen Kontext gestellt. Der Kapitalismus war für Marx eine gigantische Kraft, die alle alten Strukturen zerschlägt und sich die Welt unterwirft. Die Bourgeoisie, so schrieb Marx im Kommunistischen Manifest, hat dabei eine scharfe Waffe: den immer günstigeren Preis ihrer Waren. Die Globalisierung war dabei schon damals die Methode diese Entwicklung zu beschleunigen.

Auch das eine Entwicklung die uns sehr vertraut sein dürfte.

Wenn Marx sich mit dem Kapitalismus beschäftigte, dann nicht nur mit den Arbeitern, den Proletariern, sondern auch mit der besitzenden Oberschicht, mit den Kapitalisten. Dabei erkannte er durchaus, dass auch letztere in die Spielregeln des kapitalistischen Wirtschaftssystems eingebunden sind. Kapitalisten beuten nicht aus weil sie böse sind, sondern weil ihnen die Mechanismen des profitorientierten Wirtschaftssystems bei Strafe des eigenen Untergangs keine andere Wahl lassen!

Im Vorwort zum Kapital entschuldigt er sich fast dafür, dass er Kapitalisten und Grundeigentümer in „nicht sehr rosigem Licht“ zeichne. Er könne und wolle nicht „den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag“.

Und Marx beschäftigte sich mit den von den Kapitalisten eingesetzten Sachwaltern ihrer Interessen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern, den Managern. Marx erkannte in ihnen eine seltsame Mischung, eine Art Zwitterwesen zwischen Ausbeuter und Ausgebeutetem, oftmals dazu geneigt, die eigene Position zu stärken und sich selbst zu bereichern.

Eine überaus aktuelle Erkenntnis und das vor 150 Jahren! Lebte Marx heute, er würde diesem Thema sicherlich noch mehr Platz in seinem Werk einräumen. Letztlich sind es meist nicht die eigentlichen Kapitalisten, sondern die Entscheidungen der Manager, die – auch zum eigenen Vorteil –die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben.

Aber Marx würde wahrscheinlich auch hier nicht einfach den moralischen Zeigefinger heben. Während in den Medien heute immer wieder thematisiert wird, dass Spitzenmanager unaufhörlich steigende Millionengehälter kassieren, auch unabhängig davon, ob sie dem Unternehmen genutzt oder erwiesener Maßen geschadet haben, würde Marx wahrscheinlich eher die Verhältnisse analysieren. Er würde sich die Verteilung der Macht in großen Konzern anschauen und erforschen, wo das Machtgefälle liegt, das es Managern nicht nur ermöglicht den Druck auf die Beschäftigten zu erhöhen, sondern letztlich auch den Kapitalisten einen Teil ihrer Profite abzunehmen.

150 Jahre ist das Kapital inzwischen alt. Ausbeutung, Globalisierung, Ungleichheit, Entfremdung – Marx hat all das beschrieben. Seine Sprache kommt uns heute bisweilen merkwürdig vor, aber die Inhalte sind auch heute noch aktuell. Mit diesen Inhalten gehen derzeit europaweit die Rechten auf Stimmenfang und spielen sich als Rächer der kleinen Leute auf. Marx würde über die von ihnen vorgeschlagenen Lösungen wahrscheinlich nur Spott übrig haben.

Vielleicht war auch das ein Grund des sicher politisch gemeinten Anschlags auf das Marx Monument vor zwei Tagen.

Der Vorschlag der rechtspopulistischen und nationalkonservativen Parteien gesellschaftliche – auch ökonomische Entwicklungen – unabhängig von der Entwicklung der Produktivkräfte durch Rückzug in das Nationale zu stoppen oder umzukehren kann nicht funktionieren.

Auch die Idee der Schutzzölle wie sie derzeit in den USA diskutiert wird, wird Marx sehr vertraut und zugleich untauglich vorkommen. Schließlich hat er die Zeit der hohen Schutzzölle noch selbst miterlebt und wusste, dass sie vor allem die Kapitalisten im eigenen Land vor Konkurrenz schützen. Zum Schutz der Arbeiter waren sie hingegen weder geeignet noch gedacht.

Marx setzte auf einen grundlegenden Umsturz der Verhältnisse – und das unterscheidet ihn auch grundsätzlich von aktuellen rechten Bewegungen und Parteien, die zwar die demokratischen Freiheiten der bürgerlichen Gesellschaft abschaffen wollen, die grundlegenden Eigentumsverhältnisse aber nicht in Frage stellen.

Zurück zur eingangs rhetorisch gestellten Frage, ob der alte Marx auch heute noch aktuell sei, kann man nur sagen: ja, gerade heute. Der 150. Jahrestag der Erscheinung des Kapital ist ein guter Anlass sich damit zu beschäftigen und das Buch mal wieder in die Hand zu nehmen!