Schräge Töne im ehemaligen Kaßberg-Gefängnis

Die Programmankündigung zur Chemnitzer Museumsnacht am 20. Mai 2017 gibt erneut Anlass, die schon mehrfach geäußerte Kritik an der Instrumentalisierung des Gedenkortes am Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz zu thematisieren.

Der Text der Ankündigung zur Museumsnacht verdeutlicht, dass der Gedenkort Kaßberg immer stärker zu einem Bestandteil einer tendenziellen Ausrichtung der Geschichtsaufarbeitung in Ostdeutschland in Richtung Delegitimierung des ersten sozialistischen Versuchs auf deutschem Boden werden soll. Bei allem in der DDR zweifelsohne geschehen Unrecht war sie keinesfalls eine mit dem mörderischen NS-Herrschaftssystem gleichzusetzende „zweite Diktatur“. Dies kommt einer Dämonisierung der DDR gleich, die wiederum mit einer Relativierung den faschistischen Schreckensjahren 1933-1945 verbunden ist.

Die Charakterisierung „der Zeit nach 1933, als Chemnitzer Juden und Gegner des Nationalsozialismus eingesperrt waren“ verharmlost die faschistische Terrorherrschaft in unerträglicher Weise, zumal sie mit der „Zeit nach 1945, als die Sowjets das Gefängnis zur Verfolgung vermeintlicher NS-Anhänger nutzten“ und der „Zeit bis 1989, als die Staatssicherheit dort ihre DDR-weit größte Untersuchungshaftanstalt betrieb und das Gefängnis als Drehscheibe für den Freikauf von etwa 30.000 politischen Häftlingen durch die Bundesregierung diente“, faktisch gleichgesetzt wird. Es ist durchaus richtig, auch an den Häftlingsfreikauf zu erinnern und sich mit diesem sehr speziellen und fragwürdigen Kapitel der deutsch-deutschen Beziehungen kritisch zu befassen.

Im Einladungstext geschieht jedoch noch etwas anderes. Hier werden die Nazi-Verbrechen gegen die Menschheit wie Weltkrieg und Holocaust mit dem in der DDR begangenen Unrecht in einem Atemzug genannt und gleichgesetzt. Diese Art der revisionistischen Geschichtspolitik und der damit verbundenen Verschiebung des erinnerungspolitischen Kanons nach rechts ist einer Chemnitzer Gedenkstätte unwürdig.

Das gilt umso mehr, da vor wenigen Wochen von unserer Stadt ein bemerkenswertes Signal gegen den aufkommenden Rechtspopulismus gesetzt wurde: die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Justin Sonder, den wichtigsten noch lebenden Chemnitzer Zeitzeugen für die Verbrechen des Faschismus. Zu Recht wurde ihm als dem Auschwitz-Überlebenden von allen demokratischen Parteien zu seiner Auszeichnung gratuliert und für seine unermüdliche antifaschistische Zeitzeugenarbeit Dank und Respekt ausgesprochen.