Was ist ein gerechter Lohn?

Die Frage nach einem gerechten Lohn ist nicht einfach zu beantworten. Schnell sind sich (fast) alle einig was ungerecht ist. Wenn Topmanager selbst dann noch Millionenabfindungen kassieren, wenn sie entlassen werden, weil sie ihrem Unternehmen geschadet haben, dann hat das mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Wenn Menschen riesige Zins- und Kapitalgewinne kassieren ohne dafür irgendwelche Leistungen zu erbringen, sondern einfach nur weil sie reich sind, dann ist auch das ungerecht. Noch ungerechter wird es dadurch, dass auf Kapitaleinkünfte in Deutschland obendrein im Vergleich zur Lohnsteuer ein viel geringerer Steuersatz gilt. Auch wenn einige Spitzensportler Millionengagen erhalten ist zu bezweifeln, ob hier Leistung und Entlohnung in einem normalen Verhältnis zueinander stehen.

Natürlich ist es ungerecht, wenn Frauen für die gleiche Arbeit im Schnitt noch immer ein Fünftel weniger verdienen als Männer. Natürlich ist es ungerecht, wenn der Freistaat Sachsen das Personaldefizit bei der Polizei mit schlecht ausgebildeten Hilfspolizisten zu stopfen versucht, die noch dazu weniger verdienen als ihre Kollegen. Natürlich ist es ungerecht, wenn Menschen zwar Mindestlohn erhalten, aber das Arbeitspensum bewusst so hoch ist, dass es in der regulären Zeit nicht zu schaffen ist und die Überstunden dann nicht bezahlt werden. Und natürlich ist es ungerecht, wenn der Mindestlohn nicht hoch genug ist um einen echten Rentenanspruch zu erarbeiten.

Was ungerecht ist, ist schnell klar. Aber was ist nun der gerechte Lohn? Diese Frage dürfte bestehen seit es Entlohnung für Arbeit gibt. Unter kapitalistischen Vorzeichen ist grundsätzlich die Frage ob es einen gerechten Lohn geben kann. Die Auswüchse am oberen Ende der Einkommensskala sind ohne die Auswüchse am unteren Ende nicht denkbar. Jene die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, arbeiten in Unternehmen die ihnen nicht gehören und erstellen dort ein Produkt, dass ihnen nicht gehört. Was sie dafür bekommen ist ihr Lohn, während ihre physischen und geistigen Kräfte dem Unternehmen zur Verfügung stehen, ebenso wie der durch die Arbeit geschaffene Mehrwert. Ein Unternehmen das nicht so handelt, das keine Profite für die Eigentümer erwirtschaftet, sondern das den erzeugten Mehrwert vollständig an die Lohnabhängigen weiter reicht, hat unter kapitalistischen Rahmenbedingungen keine Existenzberechtigung. Das kapitalistische Lohnsystem beruht darauf, den abhängig Beschäftigten nicht das Produkt ihrer Arbeit zu bezahlen.

Wenn in Arbeitskämpfen tarifliche Verbesserungen errungen werden, dann verschiebt das zwar das Pendel zugunsten der Beschäftigten. Wenn die Linke für einen existenzsichernden Mindestlohn streitet und sich auch darüber hinaus dafür einsetzt, das man von seiner Arbeit gut leben kann, dann mag das auf den ersten Blick wie der Ruf nach einem gerechten Lohn klingen. Es hilft auch in der Tat soziale Schieflagen und die gröbsten Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Aber die Frage nach Gerechtigkeit ist immer auch eine gesellschaftstheoretische und am Ende bleibt: ein wirklich gerechter Lohn ist in einem kapital- und profitorientierten Wirtschaftssystem und einer Gesellschaft die im Kern auf Ungleichheit basiert eine Illusion.