Erfolgsfaktor Fachkräfte – Bedarfe sichern, Jobattraktivität steigern, Investitionen voranbringen

(Manuskript zur Rede in der Landtagssitzung vom 28. September 2017)

Ja, Fachkräfte sind der Erfolgsfaktor der sächsischen Wirtschaft. Und ja sie werden in Zukunft der kritische Erfolgsfaktor werden. Wir alle kennen die demographische Entwicklung in Deutschland. Wir alle wissen, dass die Situation in Sachsen noch dramatischer ist. Und – auch das gehört zur Wahrheit dazu, in einigen Bereichen hat die sächsische Politik in Vergangenheit Weichenstellungen vorgenommen, die diese Entwicklung weiter verschärfen.

Dazu können wir den parlamentarischen Abend der Handwerkskammern noch einmal Revue passieren lassen, der ja vor zwei Tagen hier im Saal stattfand. Und es lohnt sich durchaus auch, den Fortschrittsbericht der derzeit noch amtierenden Bundesregierung zu ihrem Fachkräftekonzept zur Hand zu nehmen und die sächsischen Realitäten darin zu spiegeln.

Aber der Reihe nach. Nehmen wir uns die von der Bundesregierung definierten Sicherungspfade zur Sicherung des Fachkräftebedarfes vor und Beginnen mit einer breiten und umfassenden Bildung für alle. Zum katastrophalen Start des neuen Schuljahres muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich keine Ausführungen machen. Selbst die Ministerin hat vor einem Monat hier im Plenum einräumen müssen, dass die Situation noch nie so angespannt war wie heute. Aber es setzt sich ja danach fort.

Sie können sich ja durchaus darüber freuen, dass Sachsen im PISA-Test immer besonders gut ist, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Sachsen ist auch was die Zahl derer anbelangt die die Schule ohne Abschluss verlassen in Deutschland ganz vorn dabei. Im letzten Jahr war es jeder 13. Schüler.

PISA hin oder her, wenn sich in den Kammern die Klagen häufen, dass immer mehr junge Menschen den Anforderungen an eine Ausbildung nur schwer gerecht werden können, dann sind das Menschen die vorher hier das sächsische Schulsystem durchlaufen haben.

Und wenn in Sachsen 27 Prozent aller Berufsausbildungen vorzeitig abgebrochen werden, so hat das auch damit zu tun.

Wo wir gerade bei Berufsausbildung sind. Nehmen wir die Berufsschulen hier im Land. Der Forderung der Handwerkerschaft von vor zwei Tagen, hier mit einer zentralen Berufsschulnetzplanung endlich voran zu kommen kann man sich nur anschließen. Aber das Problem geht ja noch deutlich weiter, insbesondere wenn man sich den Mangel an Berufsschullehrern ansieht.

Wenn sich dann das sächsische Wissenschaftsministerium gegen eine neue Berufsschullehrerausbildung an der TU Chemnitz stellt, wo praxisnah durchaus ein Potential zu heben wäre, dann hat der Freistaat, dann hat die Staatsregierung, eine weitere Chance zur Fachkräftesicherung erfolgreich verpasst. Die dafür vorgebrachte Begründung, dass man ja schon die diesbezüglichen Studienplätze an der TU Dresden nicht voll bekommt macht die Situation nicht besser. Ganz nach dem Motto: „Berufsschullehrer will keiner werden? Egal, dann eben nicht…“

Wir reden in den letzten Jahren viel über Digitalisierung. Und um es offen zu sagen: welche quantitativen Auswirkungen diese Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt und den zahlenmäßigen Fachkräftebedarf haben wird, wissen wir nicht. Zu beinah jedem Szenario zu diesem Thema lässt sich auch ein Gegenszenario finden. In einem sind sich allerdings alle einig. Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird einige Berufsbilder verschwinden lassen, einige neue hervorbringen und ganz viele verändern.

Wenn wir das allerdings wissen, dann stellt sich doch die Frage, wie es mit der Förderung von lebenslangem Lernen aussieht. Warum eigentlich hat Sachsen als eines von zwei Bundesländern kein Bildungsfreistellungsgesetz?

Welche Anreize schafft der Freistaat Menschen die jenseits der 40 sind beruflich neu anzufangen? Und damit meine ich nicht das hektische lückenstopfen bei Polizei und Lehrerschaft mit unzureichend vorbereiteten Quereinsteigern, sondern einen planmäßigen Neustart in einem anderen Beruf, der z.B. aktuell ein Mangelberuf ist?

Ein weiterer Punkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Was nützen bestens ausgebildete Menschen, wenn sie wegen mangelnder Möglichkeiten zur Kinderbetreuung gar nicht oder nicht Vollzeit arbeiten können, obwohl sie dies eigentlich wollen – oder aus finanzieller Sicht sogar müssten?

Sachsen hat im Bundesvergleich in den Kindergärten einen nach wie vor schlechten Betreuungsschlüssel. Die Staatsregierung bleibt sich hier treu: wie schon bei Lehrern und Polizisten gilt auch bei den Kleinsten: Hauptsachen wenig Personal beschäftigen und sparen bis der Kahn komplett auf Grund gelaufen ist. Das geht nicht nur auf Kosten der Erzieher, sondern auch der Betreuungszeiten und das letztlich entzieht auch dem Arbeitsmarkt wieder Fachkräfte.

Trotz aller nötigen Maßnahmen zur Erhöhung der Erwerbsbeteiligung und Verbesserung der Qualifikation der Menschen hier in Sachsen bleibt es jedoch dabei. Bedingt durch die hohe Abwanderung junger Menschen in den letzten 25 Jahren und damit die auch dadurch hier im Lande schlicht nie geborenen Kinder, gehen in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen in den Ruhestand, als überhaupt potentielle Berufsanfänger neu hinzukommen.

Die Fachkräfteallianzen sind zur Sicherung des Fachkräftebedarfs durchaus ein guter erster Schritt, aber sie machen vor allem die Defizite und Handlungsnöte deutlich. Wenn die Decke zu kurz ist, dann kann man daran ziehen wie man will. Entweder schauen die Füße raus oder die Schulter – größer wird sie dadurch nicht.

Wenn das derzeitige wirtschaftliche Niveau in Sachsen aufrechterhalten werden soll (und da meine ich wirklich aufrechterhalten und noch nicht einmal Wachstum), dann kommen wir um den Zuzug von Menschen nach Sachsen nicht herum.

Da gibt es durchaus Aufgaben die die Wirtschaft selbst machen muss – solange das Lohnniveau hier im Freistaat am unteren Ende in Deutschland rangiert, dann bleibt der materielle Anreiz für mobile Menschen die bereit sind für den Beruf umzuziehen eher überschaubar ausgerechnet nach Sachsen zu kommen.

Aber es gibt auch Rahmenbedingungen die dann doch wieder Aufgabe der Politik sind und wo Sachsen großen Nachholbedarf hat. Weite Teile des Landes sind für den Eisenbahnfernverkehr nicht erreichbar. Der Personennahverkehr ist flächendeckenden ähnlich dünn wie der Breitbandausbau. Die Probleme im Bereich Kinderbetreuung und Bildung sind durchaus relevante Fragen für junge Familien die nach Sachsen kommen.

Und zu guter Letzt: die Tatsache, dass in weiten Teilen des Landes ein Klima herrscht, dass euphemistisch gesprochen von Skepsis gegenüber Fremdem oder Neuem geprägt ist, macht den Freistaat auch oftmals nicht zur ersten Wahl für hochqualifizierte Fachkräfte die sich ihre Stellenangebote aussuchen können.