Nicht fehlende Produktivität, sondern fehlende Wertschätzung

Das Hallenser IWH sorgt derzeit mit einer Studie für Aufregung, in welcher der Ostdeutschen Wirtschaft in allen Bereichen eine deutlich geringere Produktivität attestiert wird als der westdeutschen. Das träfe nicht nur zu, wenn man die eher kleinen Unternehmen im Osten den westlichen Konzernen gegenüber stellt, sondern auch beim Vergleich ähnlich großer mittelständischer Betriebe mit vergleichbarer Ausstattung.

Im Grunde behauptet die Studie somit, der Handwerker aus Görlitz arbeite schlechter als sein Kollege aus Passau, der Maschinenbauer aus Chemnitz schlechter als sein Kollege aus Stuttgart oder die Meissner Köchin habe es nach dreißig Jahren immer noch nicht hinbekommen so gut zu kochen wie eine Gastronomin aus dem Taunus. Diese implizit in der Auswertung der Studie mitschwingende Aussage ist nicht nur eine Frechheit gegenüber der Arbeitsleistung der Ostdeutschen, sondern lässt sich wenn die Forscher ihre eigene Untersuchung ernst nehmen daraus eigentlich gar nicht ableiten.

Verglichen wurde vom IWH ganz offenkundig gar nicht die Produktivität. Dazu hätte man sich die angewandten Produktionstechnologien anschauen und vergleichen müssen. Man hätte die Produktionskosten einzelner Produkte gegenüber stellen und die Frage untersuchen müssen, ob bei einem vergleichbaren Einsatz von Material, Energie oder Personal im Osten grundsätzlich weniger produziert werde als im Westen. Das ist jedoch offenkundig nicht geschehen. Stattdessen wurden Umsatzhöhe und Löhne verglichen.

Der Umsatz sagt jedoch nichts über die Produktivität eines Unternehmens aus. Er beschreibt vielmehr den Erlös der durch den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen erzielt wird. Eines der Probleme liegt darin, dass ostdeutsche Unternehmen für vergleichbare Leistungen auf dem Markt oft nur geringere Preise erzielen können. Ein Friseur in einem Niedriglohngebiet kann von seinen Kunden für den gleichen Haarschnitt weniger verlangen als ein Friseur im reichen Stuttgart, ohne gemessen an der Arbeitsleistung schlechter oder weniger produktiv zu sein. Ein ostdeutscher Industriezulieferer bekommt oft nur dann den Zuschlag, wenn er nachweisen kann, dass er die gleiche oder gar bessere Qualität zu einem niedrigeren Preis anbieten kann als der westdeutsche Mitbewerber. Gerade letzteres wurde in vielen Gesprächen in sächsischen Betrieben immer wieder bestätigt.

An dieser Entwicklung hat die Wirtschaftspolitik der letzten 30 Jahre eine gehörige Mitschuld. Angefangen vom Handeln der Treuhand in den 90er Jahren, wo die Ost-Wirtschaft pauschal als marode galt und Betriebe für eine symbolische Mark verscherbelt oder einfach platt gemacht wurden, bis zu den Versuchen Wettbewerbsvorteile durch niedrigere Löhne zu erlangen. Letzteres hat sich inzwischen längst zum Standortnachteil verwandelt. Der Osten gilt als Billiglohnland und wird vielfach ebenso behandelt. Das schlägt sich auch in den Umsatzstatistiken nieder.

Insbesondere in Sachsen hat die CDU lange an diesem Kurs festgehalten und versucht Investoren mit niedrigen Löhnen zu ködern. Damals im Bundesrat hat der Freistaat sogar als einziges Land nicht für die Einführung des Mindestlohnes gestimmt, und das obwohl die Menschen in Sachsen nach wie vor besonders wenig Lohn für ihre Arbeit bekommen.

Im Grunde sagt die Studie des IWH nichts über Leistungsfähigkeit oder Produktivität, sondern hat nur dargelegt was viele im Alltag spüren: die Arbeitsleistung von ostdeutschen wird im nationalen Vergleich oft weniger wertgeschätzt. Schade, dass die Forscher es verpasst haben das so deutlich zu benennen. Im Gegenteil. Mit ihrer pauschalen Aussage, dass die ostdeutsche Wirtschaft weniger produktiv sei, stimmen sie in den Chor derer ein, die sagen die Ossis brächten es einfach nicht.

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